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01.02.18

Fünf Jahre grenzenloser Tischtennis-Lehrgang



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sport grenzenlos Botschafter Ruwen Filus (r.) im Showkampf mit Behindertensportler Selcuk Cetin (l.). (Foto: sport grenzenlos)

Der fünfte inklusive Tischtennis-Lehrgang zwischen dem SCW Göttingen und dem von Paralympicssieger Holger Nikelis seit Jahren geführten sport grenzenlos Team sollte ob des fünfjährigen Jubiläums ein Besonderer werden.

Höhepunkte waren der tischtennis grenzenlos Cup, ein Workshop zur Inklusion im Tischtennis sowie die Jubiläums- und Spendengala am Samstagabend, bei dem Nationalspieler Ruwen Filus mit einem Showkampf glänzte. Anders als bei den vorigen Ausgaben, wurde der Lehrgangsplan in der Sporthalle Weende am James-Franck-Ring in Göttingen um zusätzliche Attraktion erweitert. Parallel zum Lehrgang informierten erfahrene Experten in einem Workshop am Samstag alle Interessierten über die Inklusions-Potentiale der Sportart Tischtennis in verschiedenen Theorie- und Praxismodulen. Nach zwei schweißtreibenden Trainingseinheiten mit den Jugendlichen aus Südniedersachsen, dem Lüneburger Raum und den erfahrenen Behindertensportlern des sport grenzenlos Teams, ging es am Samstagnachmittag wettkampforientierter weiter. Holger Nikelis, der 2012 nach den für ihn so erfolgreichen wie faszinierenden Paralympics in London das Behindertensportprojekt sport grenzenlos gründete und seitdem mit alten und neuen Weggefährten mit seinem inklusiven Ansatz, Tischtennis für alle zu präsentieren, durch die Nation reist, hatte sich einen besonderen Wettkampf überlegt.


Mit neutralen Einheits-Schlägern, die kaum Rotation des Balls ermöglichen, wurde ein Doppelturnier ausgerichtet, in dem die Paarungen nach jedem Match bunt durchgewürfelt wurden. Der Clou: Mit jedem Erfolg wird ein Punkt für sein vorher gebildetes Viererteam eingefahren. Ganze 88 Teilnehmer ließen sich für diese Idee begeisterten – darunter auch aktive Vereins- und Hobbyspieler, die extra dafür angereist waren. So tummelten sich am Samstagnachmittag in der Weender Sporthalle Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Männer und Frauen, Gehandicapte und Nichtgehandicapte sowie Vereins- und Hobbyspieler, alle mit dem Ziel, den kleinen weißen Zelluloidball möglichst genau auf dem Tisch zu versenken und gemeinsam Spaß zu haben.


„Das ist genau unser Ansatz: Dass Menschen, egal mit welchen Vorrausetzungen zusammenkommen, um mit Spaß Tischtennis zu spielen“, erklärte ein sichtbar zufriedener Nikelis bereits während des Turniers. Laut war es an diesem Nachmittag, wechselten sich doch Kennenlernen und sportlicher Wettkampf im Minutentakt ab. Einen Sieger gab es am Ende auch: Das Team "Wir wären jetzt lieber am Strand" bestehend aus Sophia und Laura Konradt, Malte Merkel sowie Felix Betker. Das Spaß-Turnier stand sinnbildlich für die vergangenen fünf Jahre des Lehrgangs. Frauke Alves, deren beide Söhne (Jonathan und Jakob Koch) beim SCW Tischtennis spielen, hatte Nikelis gemeinsam mit ihren Kindern vor sechs Jahren während eines Bundesligaspiels in Düsseldorf kennengelernt. „Die Jungs waren von ihm gleich begeistert und wir hatten ein angenehmes Gespräch. Die Idee war anschließend, dass wir mal gemeinsam trainieren“, führte Alves aus. Doch Nikelis entwickelte gemeinsam mit den engagierten Verantwortlichen des SCW einen Lehrgang, aus dem Tradition geworden ist. Dieses Jahr waren die erfolgreichen Behindertensportler Selcuk Cetin (Rollstuhl), Johannes Urban (Kleinwuchs) und Frederic Peschke (Armlähmung) sowie Michaela Müller (inkomplette Querschnittlähmung) Teil der sport grenzenlos Sportler, die sich unter die Teilnehmer des Lehrgangs mischten. Unterstützt wurden sie von Jannik Schneider, der zudem am Samstagabend durch die Jubiläumsgala führte.


„Wir wollten beim fünfjährigen Jubiläum etwas zurückgeben“, sagte Nikelis. Mehr als 120 geladene Gäste fanden den Weg in die umfunktionierte und festlich dekorierte Sporthalle. Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft staunten nicht schlecht, als der beste Abwehrspieler der Welt und deutsche Nationalspieler Ruwen Filus, seit einiger Zeit sportgrenzenlos Botschafter, in einem Showkampf gegen Peschke und Cetin die Bälle von weit hinter dem Tisch zurückbrachte. Auch SCW-Eigengewächs (Michael Orhan) durfte gegen die Nummer 18 der Welt antreten. Laut wurde es nochmals, als die Gewinner der Tombola gezogen wurden. Teile der Erlöse kommen Matthias Kleinert zu Gute. Der langjährige SCW-Sportler benötigt einen neuen Rollstuhl.


Gespannt lauschten die Gäste anschließend einer Podiumsdiskussion mit Nikelis, Alves, Filus, Urban sowie Rüdiger Herzog von der Firma Otto Bock und Joachim Pförtner, Vorstand im Stadtsportbund Göttingen und Vizepräsident im Tischtennis-Verband Niedersachsen, die ebenfalls Schneider moderierte: „Normalerweise reden wir nicht so gern, sondern packen lieber praktisch an. Aber bei so viel Kompetenz wollten wir es mal ausprobieren“, erklärte Schneider. Gesprochen wurde über Behinderung und Barrierefreiheit im Alltag, die Verknüpfung zwischen Leistungssport und Beruf und die Zukunft der Zusammenarbeit in Göttingen. „Unsere Vision ist es, hier einmal eine Deutsche Meisterschaft auszurichten“, erklärten Nikelis und Alves unisono und erhielten dafür breite Zustimmung.


Anschließend ging es für das sport grenzenlos Team zur traditionellen Übernachtung ins Tabalugahaus nach Duderstadt. Erneut ermöglicht durch Otto Bock, die auch wieder Rollstühle für den Lehrgang zur Verfügung stellten. So konnten der ehemalige Trainer von Nikelis, Michael Meißner zusammen mit Selcuk Cetin, auch am abschließenden Sonntag wieder praxisnah präsentieren, was es heißt, im Rollstuhl Tischtennis zu spielen. „Die Kinder lieben es, ihren Sport einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben oder einfach nur in den Rollstühlen rumzufahren“, freut sich Meißner. (Text: sport grenzenlos)